Zwei Übersetzungsarten mit unterschiedlichen Anforderungen
Eine Übersetzung überträgt einen Text aus einer Ausgangssprache in eine Zielsprache. Dabei geht es nicht nur darum, Wörter durch fremdsprachige Entsprechungen zu ersetzen. Übersetzende müssen Sinn, Stil, Zielgruppe, Textsorte und kulturellen Kontext berücksichtigen. Je nach Inhalt entstehen dadurch sehr unterschiedliche Anforderungen.
Bei einer allgemeinen Übersetzung steht meist eine Alltagssprache oder ein allgemein verständlicher Inhalt im Mittelpunkt. Beispiele sind private Korrespondenz, Reiseinformationen, allgemeine Webseiten, kurze Nachrichten oder nicht spezialisierte Texte. Eine Fachübersetzung behandelt dagegen ein bestimmtes Wissensgebiet. Dazu gehören etwa Medizin, Recht, Technik, Wirtschaft, Forschung, IT oder Pharmazie.
Der Unterschied liegt deshalb nicht allein im Schwierigkeitsgrad eines Textes. Ein kurzer medizinischer Befund kann höhere Anforderungen stellen als ein längerer allgemeiner Text, weil einzelne Begriffe rechtliche, diagnostische oder sicherheitsrelevante Folgen haben können. Entscheidend sind das Fachgebiet, die Funktion des Textes und die Folgen möglicher Fehler.
Was unter einer allgemeinen Übersetzung zu verstehen ist
Allgemeine Übersetzungen verwenden überwiegend Wörter und Strukturen, die auch außerhalb eines speziellen Fachgebiets bekannt sind. Das bedeutet nicht, dass sie automatisch unkompliziert sind. Auch ein allgemeiner Text kann anspruchsvoll sein, wenn er Ironie, regionale Redewendungen, Mehrdeutigkeiten oder einen besonderen literarischen Stil enthält.
Typische Beispiele sind:
- private Briefe und persönliche Nachrichten,
- allgemeine Informations- und Beschreibungstexte,
- Reise- und Veranstaltungsinformationen,
- nicht spezialisierte Blog- oder Magazintexte,
- allgemeine Geschäftskorrespondenz, sofern keine besonderen Rechts- oder Branchenbegriffe vorkommen.
Bei solchen Aufträgen muss die übersetzende Person vor allem sicher mit Grammatik, idiomatischen Wendungen, Register und Textzusammenhang umgehen. Ein gutes Ergebnis klingt in der Zielsprache natürlich und erfüllt den Zweck des Ausgangstextes. Eine wörtliche Übersetzung kann auch hier zu Missverständnissen führen.
Merkmale einer Fachübersetzung
Eine Fachübersetzung bezieht sich auf ein abgegrenztes Fachgebiet und verwendet dessen Terminologie. Terminologie bezeichnet den Bestand an Fachbegriffen und die Regeln, nach denen diese Begriffe verwendet werden. In einem technischen Handbuch kann beispielsweise ein bestimmtes Bauteil eine festgelegte Bezeichnung haben. In einem Vertrag können scheinbar ähnliche Wörter unterschiedliche rechtliche Wirkungen entfalten.
Zu den häufigen Fachgebieten zählen:
- Medizin, Gesundheitswesen und Pharmazie,
- Recht und Verwaltung,
- Maschinenbau, Elektrotechnik und Bauwesen,
- Informationstechnologie und Software,
- Finanzen, Versicherungen und Wirtschaft,
- Wissenschaft und Forschung,
- Umwelt, Energie und Verkehr.
Eine Fachübersetzung verlangt daher mehr als allgemeine Sprachkenntnisse. Die übersetzende Person muss Fachbegriffe recherchieren, Zusammenhänge verstehen und die Konventionen der jeweiligen Textsorte beachten. Bei einer Gebrauchsanweisung gelten andere Erwartungen als bei einem wissenschaftlichen Artikel. Ein Vertrag wiederum verlangt eine besonders sorgfältige Prüfung von Definitionen, Pflichten, Fristen und Haftungsregelungen.
Die Norm DIN EN ISO 17100 beschreibt Anforderungen an Übersetzungsdienstleistungen und nennt unter anderem sprachliche und fachliche Kompetenzen. Die Norm ersetzt keine fachliche Prüfung eines konkreten Auftrags, bietet aber einen anerkannten Bezugsrahmen für Prozesse und Qualität.
Die wichtigsten Unterschiede im Überblick
| Merkmal | Allgemeine Übersetzung | Fachübersetzung |
|---|
| Inhalt | Alltagsthemen oder allgemein verständliche Informationen | Inhalte aus einem bestimmten Fachgebiet |
| Terminologie | Überwiegend allgemein bekannte Wörter | Fachbegriffe, Abkürzungen und definierte Benennungen |
| Zusatzwissen | Allgemeine Sachkenntnis und Sprachkompetenz | Fachwissen oder eine systematische Einarbeitung in das Gebiet |
| Typische Risiken | Unnatürlicher Stil, falsche Tonalität oder missverstandene Redewendungen | Falsche Fachbegriffe, sachliche Fehler oder rechtliche beziehungsweise sicherheitsbezogene Folgen |
| Qualitätsprüfung | Sprachliche Kontrolle, Stil- und Sinnprüfung | Zusätzlich Terminologie-, Fakten-, Format- und gegebenenfalls Fachprüfung |
| Hilfsmittel | Wörterbücher, Korpora und allgemeine Referenzwerke | Fachwörterbücher, Normen, Terminologiedatenbanken, Paralleltexte und kundenspezifische Vorgaben |
Die Grenzen zwischen beiden Kategorien sind nicht immer scharf. Ein allgemeiner Unternehmenstext kann einzelne technische Passagen enthalten. Umgekehrt kann ein fachlicher Text für ein breites Publikum geschrieben sein und eine erklärende, weniger terminologische Sprache benötigen. Die Einstufung sollte deshalb anhand des konkreten Dokuments erfolgen.
Warum Terminologie in Fachtexten eine zentrale Rolle spielt
In einer Fachübersetzung muss ein Begriff nicht nur sprachlich richtig, sondern im jeweiligen Kontext passend sein. Das deutsche Wort „Anlage“ kann beispielsweise eine technische Einrichtung, einen Anhang zu einem Vertrag oder eine Investition bezeichnen. Erst der Zusammenhang zeigt, welche Bedeutung gemeint ist. Eine automatische Auswahl aus einem zweisprachigen Wörterbuch reicht deshalb oft nicht aus.
Professionelle Terminologiearbeit umfasst mehrere Schritte:
- Fachbegriffe im Ausgangstext identifizieren,
- ihre Bedeutung anhand des Kontexts bestimmen,
- geeignete Entsprechungen in der Zielsprache recherchieren,
- die Verwendung in Normen, Fachliteratur oder vergleichbaren Dokumenten prüfen,
- die gewählten Begriffe innerhalb des gesamten Projekts einheitlich verwenden.
Bei größeren Projekten kann ein Glossar erstellt werden. Darin stehen beispielsweise der Ausgangsbegriff, die bevorzugte Übersetzung, nicht gewünschte Varianten, eine Definition und ein Beispielsatz. Solche Vorgaben sind besonders wichtig, wenn mehrere Personen an einem Text arbeiten oder wenn Handbücher, Softwareoberflächen und Schulungsunterlagen zusammenpassen müssen.
Textfunktion und Zielgruppe entscheiden über die Übersetzung
Die passende Übersetzung hängt davon ab, was der Text bewirken soll. Eine Bedienungsanleitung soll Handlungen eindeutig anleiten. Ein medizinischer Aufklärungstext soll fachlich korrekt sein und zugleich von Patientinnen und Patienten verstanden werden. Ein wissenschaftlicher Beitrag richtet sich möglicherweise an ein Fachpublikum und verwendet deshalb eine höhere terminologische Dichte.
Vor Beginn der Arbeit helfen konkrete Fragen:
- Wer liest den Text?
- Welche Handlung oder Entscheidung soll der Text ermöglichen?
- Ist eine präzise Fachsprache oder eine allgemein verständliche Erklärung gefragt?
- Gibt es verbindliche Begriffe, Normen oder unternehmensinterne Schreibweisen?
- Wo wird der Text veröffentlicht oder verwendet?
- Welche Folgen könnte eine unklare oder falsche Formulierung haben?
Diese Fragen zeigen, dass „fachlich“ und „allgemeinverständlich“ keine Gegensätze sein müssen. Ein Text kann fachlich korrekt und zugleich lesbar formuliert sein. Dafür müssen Fachinhalte gegebenenfalls erklärt, Satzstrukturen gegliedert und unnötige Abkürzungen vermieden werden.
Besondere Anforderungen bei Recht, Medizin und Technik
Im Rechtsbereich kommt es auf die genaue Funktion von Begriffen und Formulierungen an. Ein Vertrag, ein Gerichtsdokument und eine allgemeine rechtliche Information benötigen nicht dieselbe Übersetzungsstrategie. Außerdem ist zwischen einer Fachübersetzung und einer beglaubigten Übersetzung zu unterscheiden. Eine beglaubigte Übersetzung ist mit einer formalen Bestätigung durch eine dazu befugte Person verbunden. Die Anforderungen richten sich nach dem jeweiligen Verfahren und der Stelle, bei der das Dokument eingereicht werden soll. Eine fachlich gute Übersetzung ist daher nicht automatisch eine beglaubigte Übersetzung.
Medizinische Texte können Befunde, Arzneimittelinformationen, Studienunterlagen oder Inhalte für Patientinnen und Patienten umfassen. Hier müssen medizinische Begriffe, Dosierungsangaben, Einheiten und Warnhinweise sorgfältig behandelt werden. Die Übersetzung darf keine neue medizinische Aussage erzeugen und keine Einschränkung des Ausgangstextes auslassen.
Technische Übersetzungen verbinden Sprache mit Funktion. Eine Anleitung muss etwa klar erkennen lassen, welcher Arbeitsschritt in welcher Reihenfolge auszuführen ist. Abbildungen, Warnstufen, Maßeinheiten, Menüpunkte und Bauteilbezeichnungen müssen mit dem übrigen Dokument übereinstimmen. Die Norm DIN EN ISO 17100 nennt neben der Übersetzung auch Prüfungsschritte als Bestandteil eines qualitätsorientierten Prozesses. Für die maschinelle Übersetzung mit anschließender Bearbeitung beschreibt ISO 18587 Anforderungen an die Nachbearbeitung durch Menschen.
Wie sich der Übersetzungsprozess je nach Auftrag verändert
Eine allgemeine Übersetzung kann nach einer sorgfältigen Analyse, dem Übersetzen und einer sprachlichen Überarbeitung abgeschlossen werden. Bei einer Fachübersetzung kommen häufig weitere Arbeitsschritte hinzu. Ein strukturierter Ablauf sieht beispielsweise so aus:
- Auftrag klären: Textsorte, Fachgebiet, Zielgruppe, Verwendungszweck, Zielland und Abgabetermin werden festgelegt.
- Material sammeln: Vorhandene Glossare, frühere Übersetzungen, Produktunterlagen, Normen und Redaktionsvorgaben werden geprüft.
- Risiken markieren: Mehrdeutige Begriffe, Zahlen, Einheiten, Abkürzungen, Querverweise und rechtlich relevante Stellen werden gekennzeichnet.
- Terminologie festlegen: Für zentrale Begriffe werden geeignete Zielsprachvarianten ausgewählt und dokumentiert.
- Übersetzen: Der Text wird sinngemäß, fachlich präzise und passend zur Zielgruppe formuliert.
- Prüfen: Inhalt, Terminologie, Zahlen, Schreibweise, Format und Lesbarkeit werden kontrolliert.
- Rückfragen bearbeiten: Unklare Stellen werden mit der auftraggebenden Seite geklärt, statt unbegründete Annahmen zu treffen.
Bei digitalen Produkten kann zusätzlich eine Lokalisierung erforderlich sein. Dabei werden nicht nur Wörter übersetzt. Datumsformate, Maßeinheiten, Benutzeroberflächen, kulturelle Bezüge und rechtliche Hinweise können an den Zielmarkt angepasst werden. Lokalisierung ist daher eine Erweiterung der Übersetzungsaufgabe, nicht bloß ein anderes Wort für Fachübersetzung.
Woran Lernende und Auftraggebende die Textart erkennen
Für die erste Einschätzung reicht eine kurze Textanalyse. Markieren Sie alle Wörter, die außerhalb des jeweiligen Gebiets ungewöhnlich, mehrdeutig oder abkürzungsreich wirken. Prüfen Sie anschließend, ob der Text eine bestimmte Handlung, Entscheidung oder rechtliche Wirkung auslösen soll.
Ein praktisches Prüfschema lautet:
- Fachgebiet: Bezieht sich der Text auf Medizin, Recht, Technik, Finanzen oder ein anderes Spezialgebiet?
- Fachwortdichte: Treten viele definierte Begriffe, Formeln, Abkürzungen oder Produktnamen auf?
- Folgen: Könnte ein Übersetzungsfehler zu einer falschen Anwendung, Entscheidung oder Vertragsauslegung führen?
- Vorgaben: Gibt es ein Glossar, eine Norm, eine Terminologieliste oder eine bestimmte Dokumentform?
- Prüfbedarf: Muss eine fachkundige Person den Zieltext zusätzlich kontrollieren?
Wenn mehrere dieser Punkte zutreffen, sollte der Auftrag als Fachübersetzung geplant werden. Bei Unsicherheit ist es sinnvoll, vorab eine Textprobe oder eine Liste kritischer Begriffe zu analysieren. So lässt sich der Aufwand sachlicher einschätzen, ohne allein von der Seitenzahl auszugehen.
Welche Rolle spielen Übersetzungstools und künstliche Intelligenz?
Wörterbücher, Terminologiedatenbanken, Translation-Memory-Systeme und maschinelle Übersetzung können den Arbeitsprozess unterstützen. Sie ersetzen jedoch nicht die Prüfung von Sinn, Kontext und fachlicher Richtigkeit. Besonders problematisch sind mehrdeutige Begriffe, Negationen, lange Satzgefüge, Tabellen, Abkürzungen und Formulierungen mit rechtlicher oder medizinischer Bedeutung.
Bei der Nutzung maschineller Systeme sollten sensible Inhalte außerdem unter Datenschutzgesichtspunkten bewertet werden. Vertrauliche Verträge, personenbezogene Daten oder unveröffentlichte Forschungsergebnisse dürfen nicht ohne Prüfung in ein externes System eingegeben werden. Verantwortliche müssen klären, wie Daten verarbeitet, gespeichert und weiterverwendet werden.
Eine menschliche Nachbearbeitung kann je nach Ausgangstext unterschiedlich umfangreich sein. Sie umfasst mindestens die Kontrolle auf Sinn, Grammatik, Terminologie und Lesbarkeit. Bei Fachtexten kommen die Prüfung von Zahlen, Einheiten, Warnhinweisen, Querverweisen und fachlichen Aussagen hinzu. ISO 18587 bezieht sich ausdrücklich auf die menschliche Nachbearbeitung maschinell erzeugter Übersetzungen. Auch diese Norm macht keine automatische Freigabe eines Textes überflüssig.
Häufige Fragen zur Fachübersetzung
Ist eine Fachübersetzung immer besser als eine allgemeine Übersetzung?
Nein. Die passende Übersetzungsart hängt vom Ausgangstext und vom Verwendungszweck ab. Für einen privaten Brief wäre eine aufwendige Fachterminologie unpassend. Für eine technische Anleitung reicht eine allgemeine Sprachübertragung möglicherweise nicht aus.
Muss eine Fachübersetzerin oder ein Fachübersetzer ein Studium im jeweiligen Gebiet abgeschlossen haben?
Ein bestimmter Bildungsweg lässt sich nicht pauschal für alle Fachgebiete festlegen. Entscheidend sind nachweisbare Sprach- und Fachkompetenz, Erfahrung mit der Textsorte sowie die Fähigkeit zur zuverlässigen Recherche. Bei besonders sensiblen Texten kann eine zusätzliche fachliche Prüfung sinnvoll sein.
Ist eine beglaubigte Übersetzung dasselbe wie eine Fachübersetzung?
Nein. Fachübersetzung beschreibt vor allem Inhalt und erforderliche Sachkenntnis. Beglaubigung bezeichnet eine formale Bestätigung und richtet sich nach den Vorgaben der zuständigen Stelle. Ein Dokument kann fachlich anspruchsvoll, beglaubigt oder beides sein.
Kann ein allgemeiner Text einzelne Fachbegriffe enthalten?
Ja. Viele Texte liegen zwischen den Kategorien. Ein allgemeiner Ratgeber kann medizinische oder technische Begriffe enthalten. In diesem Fall sollten die kritischen Passagen gezielt recherchiert und bei Bedarf fachlich geprüft werden.
Welche Angaben sollten vor einem Übersetzungsauftrag bereitstehen?
Hilfreich sind Ausgangs- und Zielsprache, Zielgruppe, Zweck, Zielland, Fachgebiet, gewünschter Termin, vorhandene Glossare und Informationen zur Veröffentlichung. Auch Angaben zu vertraulichen Inhalten, Dateiformat und notwendiger Beglaubigung sollten früh geklärt werden.
Fazit: Die richtige Einordnung schafft Klarheit
Allgemeine Übersetzungen und Fachübersetzungen unterscheiden sich vor allem durch Fachgebiet, Terminologie, Zielgruppe und mögliche Folgen von Fehlern. Eine allgemeine Übersetzung verlangt sichere Sprachbeherrschung und ein gutes Gespür für Stil und Kontext. Eine Fachübersetzung benötigt zusätzlich systematische Recherche, terminologische Einheitlichkeit und ein Verständnis der fachlichen Zusammenhänge.
Wer einen Text einordnen möchte, sollte deshalb nicht nur die Länge betrachten. Aussagezweck, Leserkreis, Fachwortdichte, verbindliche Vorgaben und Risikostellen liefern bessere Hinweise. Eine genaue Auftragsklärung und eine passende Qualitätsprüfung tragen dazu bei, dass die Übersetzung nicht nur sprachlich korrekt wirkt, sondern ihre vorgesehene Funktion in der Zielsprache erfüllt.