Warum die Vorbereitung den Übersetzungsprozess prägt
Eine Übersetzung beginnt nicht erst mit der Übertragung von Wörtern in eine andere Sprache. Bereits bei der Vorbereitung werden wichtige Entscheidungen getroffen: Für wen ist der Text bestimmt? In welchem Zusammenhang wird er gelesen? Welche Wirkung soll er erzielen? Welche Informationen müssen erhalten bleiben, und welche sprachlichen Anpassungen sind erlaubt?
Ein klar vorbereiteter Übersetzungsauftrag hilft dabei, Missverständnisse zu vermeiden und den Bearbeitungsaufwand realistisch einzuschätzen. Das gilt für eine Bewerbung, eine wissenschaftliche Arbeit, eine Produktbeschreibung, eine Bedienungsanleitung, einen Vertrag oder einen mehrsprachigen Webtext. Je genauer der Auftrag beschrieben ist, desto besser kann die Übersetzung an ihren späteren Zweck angepasst werden.
Die internationale Norm ISO 17100:2015 beschreibt Anforderungen an Übersetzungsdienstleistungen und berücksichtigt unter anderem Angaben zum Auftrag, zur Zielgruppe, zum Zweck und zu den sprachlichen Anforderungen. Die Norm ersetzt keine individuelle Absprache, bietet aber einen hilfreichen Rahmen für die Planung.
Die vier Grundfragen vor der Beauftragung
Vor dem Versand der Unterlagen sollten vier Fragen beantwortet werden. Sie bilden den Kern eines belastbaren Übersetzungsbriefings:
- Was soll übersetzt werden? Dazu gehören der Ausgangstext, Anhänge, Tabellen, Bildunterschriften und gegebenenfalls bereits vorhandene Übersetzungen.
- Wozu wird der Zieltext verwendet? Ein interner Informationsstand hat andere Anforderungen als ein öffentlich zugänglicher Vertrag oder eine sicherheitsrelevante Anleitung.
- Wer liest den Zieltext? Fachleute, Kinder, Kundinnen und Kunden, Behörden, Studierende oder internationale Mitarbeitende benötigen unterschiedliche sprachliche Lösungen.
- Welche formalen und zeitlichen Vorgaben gelten? Dazu zählen Dateiformat, Layout, Liefertermin, gewünschte Varianten der Zielsprache und besondere Prüfungen.
Diese Fragen sollten nicht nur mit allgemeinen Begriffen wie „professionell“ oder „verständlich“ beantwortet werden. Aussagekräftiger sind konkrete Angaben, etwa: „Der Text richtet sich an Eltern ohne medizinische Vorkenntnisse und wird als gedruckte Informationsbroschüre verteilt.“
Welche Unterlagen tatsächlich benötigt werden
Die wichtigste Grundlage ist die vollständige Fassung des Ausgangstextes. Einzelne Auszüge können zu falschen Entscheidungen führen, wenn Überschriften, vorangehende Definitionen oder Hinweise im Umfeld fehlen. Auch Anhänge sollten mitgeschickt werden, wenn sie Begriffe, Abkürzungen oder Querverweise enthalten.
Je nach Auftrag sind außerdem folgende Materialien hilfreich:
- Glossare: festgelegte Fachbegriffe, bevorzugte Schreibweisen und verbotene Varianten
- Styleguides: Regeln zu Ton, Anrede, Orthografie, Zahlenformaten und Überschriften
- frühere Übersetzungen: bereits abgestimmte Formulierungen, sofern sie fachlich und sprachlich aktuell sind
- Referenztexte: vergleichbare Dokumente aus demselben Fachgebiet oder derselben Organisation
- Bild- und Layoutdateien: wenn Text in Grafiken, Präsentationen oder Gestaltungsvorlagen eingebettet ist
- Abkürzungs- und Terminologielisten: besonders bei technischen, juristischen, medizinischen oder wissenschaftlichen Inhalten
Wichtig ist eine klare Kennzeichnung: Welche Datei ist die aktuelle Version? Welche Abschnitte müssen bearbeitet werden? Welche Textstellen sind bereits freigegeben und dürfen nicht verändert werden? Versionsnummern oder Datumsangaben im Dateinamen können dabei helfen. Vertrauliche Unterlagen sollten nur über einen dafür geeigneten, abgestimmten Übertragungsweg weitergegeben werden.
Den Zweck des Textes präzise beschreiben
Der Zweck beeinflusst Wortwahl, Satzbau, Informationsdichte und den Umgang mit kulturellen Bezügen. Eine Übersetzung kann informieren, anleiten, überzeugen, rechtlich absichern, dokumentieren oder eine literarische Wirkung erzeugen. Diese Funktionen dürfen nicht miteinander verwechselt werden.
Bei einer Bedienungsanleitung steht die eindeutige Handlungsanweisung im Mittelpunkt. Ein Werbetext benötigt möglicherweise eine Anpassung an die Erwartungen der Zielgruppe und darf nicht ausschließlich Satz für Satz übertragen werden. Bei einem Vertrag haben begriffliche Genauigkeit und die Abstimmung mit der maßgeblichen Rechtsordnung besonderes Gewicht. Ein wissenschaftlicher Text verlangt dagegen eine konsistente Terminologie und die Wahrung von Definitionen, Belegen und Verweisen.
Eine nützliche Formulierung für das Briefing lautet: „Der Zieltext soll …“ Danach wird die konkrete Funktion ergänzt, zum Beispiel:
- „… die sichere Bedienung eines Geräts erklären.“
- „… Studieninteressierte über Zulassungsvoraussetzungen informieren.“
- „… einen bestehenden Fachbegriff im gesamten Dokument einheitlich verwenden.“
- „… als veröffentlichungsfähige Presseinformation dienen.“
Wenn der Zieltext veröffentlicht, rechtlich verwendet oder in eine sicherheitsrelevante Kommunikation eingebunden wird, sollte dieser Umstand ausdrücklich genannt werden. Er kann Auswirkungen auf Prüfung, Freigabe und Verantwortlichkeiten haben.
Die Zielgruppe genauer als mit einem Ländername bestimmen
Die Angabe „Deutsch für Deutschland“ oder „Englisch für internationale Leser“ reicht häufig nicht aus. Eine Zielgruppe wird besser anhand mehrerer Merkmale beschrieben: Alter, Vorwissen, beruflicher Hintergrund, Lesesituation und erwartete Sprachkompetenz.
Ein Text für Fachleute darf Begriffe verwenden, die in einem bestimmten Berufsfeld etabliert sind. Für ein allgemeines Publikum müssen diese Begriffe erklärt oder durch verständlichere Ausdrücke ersetzt werden. Ein Text für Kinder braucht nicht nur kürzere Sätze. Auch Beispiele, Bildsprache, Anrede und Informationsmenge müssen zum Alter passen.
Ebenso relevant ist die Situation, in der gelesen wird. Wird der Text auf einem Mobiltelefon, in einem Unterrichtsraum, während einer Montage oder in einem Beratungsgespräch verwendet? Soll die Leserin eine Entscheidung treffen, einen Ablauf befolgen oder sich zunächst einen Überblick verschaffen?
Bei mehrsprachigen Zielgruppen sollte außerdem geklärt werden, ob eine bestimmte regionale Sprachvariante erwartet wird. Das betrifft etwa Schreibweisen, Datumsangaben, Währung, Maßeinheiten, Anredeformen und institutionelle Bezeichnungen. Sprachliche Anpassung ist jedoch nicht automatisch eine inhaltliche Neugestaltung. Im Briefing sollte stehen, welche Elemente lokalisiert werden sollen und welche unverändert bleiben müssen.
Terminologie, Eigennamen und Zahlen vorab festlegen
Viele Qualitätsprobleme entstehen nicht durch Grammatik, sondern durch uneinheitliche Fachbegriffe. Wenn ein Ausgangstext einen zentralen Begriff mehrfach verwendet, sollte der Zieltext prüfen, ob dafür immer dieselbe Übersetzung vorgesehen ist. In manchen Textsorten ist Variation stilistisch erwünscht, in technischen oder rechtlichen Dokumenten kann sie dagegen zu Unklarheit führen.
Eine Terminologieliste kann auch kurze Zusatzinformationen enthalten:
| Ausgangsbegriff | Vorgabe für den Zieltext | Hinweis |
|---|
| Fachbegriff A | festgelegte deutsche Bezeichnung | nicht durch Synonym ersetzen |
| Produktname B | unverändert lassen | Markenschreibweise beachten |
| Abkürzung C | bei erster Nennung ausschreiben | danach Abkürzung verwenden |
Auch Eigennamen, Institutionen, Buchtitel und geografische Bezeichnungen verdienen Aufmerksamkeit. Soll ein Name transkribiert, übersetzt oder in der Originalform übernommen werden? Bei Zitaten muss geklärt werden, ob eine vorhandene veröffentlichte Übersetzung zu verwenden ist oder ob eine neue Übertragung angefertigt werden soll.
Zahlen, Einheiten, Prozentangaben und Datumsformate sollten ebenfalls geprüft werden. Ein Datum wie 03/04/2026 kann je nach Sprachraum unterschiedlich verstanden werden. Im Auftrag sollte deshalb das gewünschte Format genannt werden, wenn der Zusammenhang keine eindeutige Schreibweise vorgibt.
Dateiformat, Layout und technische Anforderungen klären
Der Inhalt und die technische Form eines Dokuments sind miteinander verbunden. Ein Text in einer bearbeitbaren Datei lässt sich anders bearbeiten als Text in einem gescannten PDF, in einer Präsentation oder in einer Grafik. Bei Tabellen, Fußnoten, Querverweisen und Textfeldern kann die Formatierung zusätzliche Arbeit verursachen.
Zum technischen Briefing gehören insbesondere:
- Ausgangs- und Zieldateiformat
- Angabe, ob das Layout im Zieltext erhalten bleiben muss
- Umgang mit nicht editierbaren Texten in Bildern oder Scans
- Vorgaben für Überschriften, Fußnoten, Tabellen und Seitenumbrüche
- Benennung von Dateien und Versionen
- Frage, ob nur der übersetzte Text oder eine fertig gesetzte Datei benötigt wird
Bei Webseiten, Softwareoberflächen oder Präsentationen sollte außerdem angegeben werden, ob Platzbeschränkungen bestehen. Eine deutsche Übersetzung kann in manchen Fällen mehr Raum benötigen als der Ausgangstext. Wer diese Einschränkung früh mitteilt, ermöglicht eine passendere Formulierung und verhindert spätere Kürzungen ohne sprachliche Prüfung.
Zeitplan, Prüfungen und Rückfragen organisieren
Ein realistischer Zeitplan berücksichtigt nicht nur die Übersetzung selbst. Auch Rückfragen, Terminologieabstimmungen, fachliche Prüfung, Korrekturen und die Freigabe benötigen Zeit. Besonders bei umfangreichen oder spezialisierten Texten sollten diese Schritte im Auftrag vorgesehen werden.
Es ist sinnvoll, eine Kontaktperson für inhaltliche Fragen zu benennen. Diese Person muss nicht alle sprachlichen Entscheidungen treffen, sollte aber Zugang zu den relevanten Fachinformationen haben. Bei mehreren Beteiligten sollte feststehen, wer Änderungen bündelt und welche Version verbindlich ist.
Vor der Beauftragung können folgende Punkte schriftlich festgehalten werden:
- Abgabetermin und gegebenenfalls Zwischenstände
- gewünschte Zielvariante und Zielgruppe
- fachliche Prüfung durch eine sachkundige Person
- Art und Umfang der Schlusskontrolle
- Umgang mit nachträglichen Änderungen am Ausgangstext
- Verfahren für Rückfragen und Freigaben
Eine Prüfung kann verschiedene Ebenen umfassen. Die sprachliche Kontrolle betrachtet Grammatik, Stil und Lesbarkeit. Die fachliche Kontrolle prüft Begriffe, Zahlen und Aussagen. Die formale Kontrolle vergleicht Layout, Überschriften, Tabellen und Verweise. Welche dieser Prüfungen erforderlich sind, hängt vom Verwendungszweck ab und sollte nicht erst nach der Lieferung entschieden werden.
Ein praxistaugliches Briefing in wenigen Schritten erstellen
Ein Auftrag lässt sich mit einer kurzen, aber vollständigen Struktur vorbereiten:
- Dokumente sammeln: Die aktuelle Ausgangsdatei, Anhänge und Referenzmaterialien zusammenstellen.
- Verwendungszweck notieren: Beschreiben, ob der Zieltext informiert, anleitet, dokumentiert, veröffentlicht oder rechtlich verwendet wird.
- Zielgruppe definieren: Alter, Vorwissen, Sprachraum und Lesesituation angeben.
- Sprachliche Vorgaben ergänzen: Ton, Anrede, Terminologie, Schreibweise und gewünschte regionale Variante festlegen.
- Technische Anforderungen beschreiben: Dateiformat, Layout, Tabellen, Grafiken und Platzbeschränkungen nennen.
- Prüfweg planen: Zuständigkeit für fachliche Kontrolle, Rückfragen und Freigabe bestimmen.
- Version bestätigen: Sicherstellen, dass alle Beteiligten mit derselben Ausgangsfassung arbeiten.
Ein Beispiel für eine präzise Auftragsbeschreibung wäre: „Übersetzt werden die Kapitel 2 bis 5 der aktuellen Bedienungsanleitung aus dem Englischen ins Deutsche. Der Text richtet sich an private Anwender ohne technisches Vorwissen. Sicherheitshinweise müssen klar und vollständig erhalten bleiben. Produktnamen werden nicht übersetzt. Das Layout der Tabellen soll beibehalten werden. Eine fachliche Prüfung erfolgt nach der Übersetzung durch eine sachkundige Person.“
Diese Angaben sind konkreter als die Bitte um eine „gute“ oder „professionelle“ Übersetzung, weil sie überprüfbare Anforderungen enthalten.
Häufige Fehler bei Übersetzungsaufträgen vermeiden
Ein häufiger Fehler ist, nur die Textdatei zu senden und den späteren Einsatz nicht zu erläutern. Ohne Zweck und Zielgruppe bleibt unklar, ob eine wörtliche, erklärende, werbliche oder terminologisch streng kontrollierte Lösung erwartet wird.
Problematisch ist auch eine unvollständige Materialsammlung. Wenn Glossare, frühere Freigaben oder Bilddateien fehlen, können Begriffe und Layoutentscheidungen später geändert werden müssen. Ebenso erschwert eine ständig wechselnde Ausgangsdatei die Kontrolle, weil nicht mehr eindeutig ist, welche Stellen bearbeitet wurden.
Unklare Rückmeldungen wie „klingt nicht gut“ helfen nur begrenzt weiter. Besser ist die Angabe, worin das Problem besteht: Ist der Begriff fachlich falsch, zu umgangssprachlich, zu lang, regional ungeeignet oder nicht mit einer früheren Fassung vereinbar? Solche Kriterien machen Korrekturen nachvollziehbar.
Schließlich sollte die Übersetzung nicht von der fachlichen Verantwortung entkoppelt werden. Sprachliche Qualität und inhaltliche Richtigkeit ergänzen einander, ersetzen sich aber nicht. Wer den Gegenstand kennt, kann Zahlen, Verfahren, Namen und fachliche Zusammenhänge gezielter prüfen.
FAQ zur Vorbereitung eines Übersetzungsauftrags
Reicht die Ausgangsdatei allein aus?
In vielen Fällen nicht. Die Datei ist die zentrale Grundlage, aber Zweck, Zielgruppe, Terminologie, gewünschte Sprachvariante und technische Anforderungen bestimmen maßgeblich, wie der Zieltext gestaltet werden soll. Anhänge und Referenzmaterialien können ebenfalls erforderlich sein.
Was sollte bei einem Vertrag besonders angegeben werden?
Der rechtliche Verwendungszweck, die maßgebliche Rechtsordnung, die gewünschte Terminologie und der vorgesehene Prüfweg sollten ausdrücklich genannt werden. Eine Übersetzung ersetzt keine rechtliche Beratung oder Prüfung des Vertragsinhalts.
Wie lässt sich die Zielgruppe beschreiben?
Hilfreich sind Angaben zu Alter, Vorwissen, Berufsfeld, Sprachkompetenz, Land oder Sprachraum und Lesesituation. Auch die Frage, ob der Text informieren, anleiten oder eine Entscheidung unterstützen soll, liefert wichtige Hinweise.
Wer sollte die fertige Übersetzung prüfen?
Die sprachliche Prüfung kann durch eine entsprechend qualifizierte Person erfolgen. Für fachliche Inhalte ist zusätzlich eine sachkundige Prüfung sinnvoll, insbesondere bei technischen, medizinischen, wissenschaftlichen oder rechtlich relevanten Texten.